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Das Problem des „Friendly Fraud“

Der Missbrauch durch den Kontoinhaber selbst ist mittlerweile die weltweit häufigste Form des Betrugs, lässt sich jedoch an der Kasse kaum erkennen. Erfahren Sie, warum „Friendly Fraud“ zunimmt, welche Kosten dadurch für die Zahlungsbranche entstehen und wie ein besserer Datenaustausch dazu beitragen könnte, echte Streitfälle von vorsätzlichem Missbrauch zu unterscheiden.
Die Betrugsprävention hat ein Vokabular-Problem. Das Wort «Betrüger:in» ruft ein klares Bild hervor: eine aussenstehende Person, jemand, der oder die von aussen eindringen will. Dieses Bild ist nützlich, wenn es um die Gestaltung von Kontrollen und um Sensibilisierung geht. Es wird deutlich weniger nützlich, wenn die Person, die eine Rückbuchung beantragt, dieselbe Person ist, die den Kauf getätigt hat. 

Genau das ist die Herausforderung beim sogenannten First-Party Misuse, besser, wenn auch etwas irreführend, bekannt als Friendly Fraud. Es ist kein neues Phänomen, aber es wächst rasant, lässt sich strukturell nur schwer erkennen und bringt die Payment-Branche in eine unbequeme Lage.

Das Ausmass des Problems 

Laut dem Cybercrime Report 2025 von LexisNexis Risk Solutions, der über 104 Milliarden globale Transaktionen analysiert hat, ist First-Party Fraud mittlerweile die weltweit häufigste Betrugsart und macht 36 % des gesamten gemeldeten Betrugs im Jahr 2024 aus, mehr als doppelt so viel wie die 15 % im Jahr davor.¹ Der Global State of Fraud and Identity Report 2026 von LexisNexis bestätigt, dass sich dieser Trend fortsetzt: First-Party Fraud hat sich Jahr für Jahr verdoppelt und stellt Risikoteams vor neue Herausforderungen.²

Die Chargeback-Volumen erzählen dieselbe Geschichte aus einer anderen Perspektive. Chargebacks911, eine Plattform für Chargeback-Management, verfolgt diese Entwicklung genau. Ihr Chargeback Field Report 2026 prognostiziert bis 2026 ein globales Chargeback-Volumen von 337 Millionen Transaktionen, ein Anstieg von 41 % gegenüber 2023.³ Der Global Fraud Survey 2025 des Merchant Risk Council zeigt, dass 64 % der Händler:innen steigende Raten von First-Party Misuse melden, mehr als jede vierte Person davon einen Anstieg von 25 % oder mehr.⁴

Diese Zahlen betreffen grösstenteils Händler:innen, doch die Auswirkungen reichen weiter. Für Issuer und Acquirer bedeutet jede angefochtene Transaktion eine Untersuchung, oft mit begrenzten Informationen, unter regulatorischen Fristen, die strukturell zugunsten der Karteninhaber:innen ausgelegt sind, und ohne verlässliche Möglichkeit, ein echtes Betrugsopfer von einer Person zu unterscheiden, die den Rückbuchungsprozess bewusst ausnutzt. 

Warum es so schwer zu erkennen ist 

Was First-Party Misuse so schwer greifbar macht: Es liefert im Moment der Transaktion kein Warnsignal. Die Karteninhaberin oder der Karteninhaber ist, wer sie oder er zu sein behauptet. Die Karte gehört ihr oder ihm. Die Authentifizierung läuft normal ab. Der Kauf ist echt. Nichts an der Transaktion selbst deutet darauf hin, dass später eine Rückbuchung folgen wird. 

Die Antwort kann nicht sein, jede:n Kund:in als Verdächtige:n zu behandeln. Die Antwort ist, Issuern besseren Kontext zu geben, damit sie Verwechslung, echten Betrug und bewussten Missbrauch mit mehr Sicherheit unterscheiden können.»
- Manuel Bärtschi, Senior Product Manager Secure Payments, G+D Netcetera   

Die Tragweite ist erheblich: Kontrollen, die auf Transaktionsebene wirken, greifen nicht bei Betrug, der erst nach der Transaktion entsteht, im Rückbuchungsprozess selbst.

Die Informationsasymmetrie ist struktureller Natur. Issuer sind naturgemäss so positioniert, dass sie für ihre Karteninhaber:innen eintreten. PSD2 Artikel 73 verpflichtet Institute, nicht autorisierte Transaktionen zu erstatten, eine Pflicht, die vollkommen angemessen ist, wenn die Kundin oder der Kunde tatsächlich Opfer eines Betrugs wurde. Deutlich komplizierter wird es, wenn das nicht der Fall ist.⁶ 

Bewusster und unbewusster Missbrauch 

Nicht jeder Fall von First-Party Misuse ist vorsätzlich, und diese Unterscheidung ist entscheidend dafür, wie Institute reagieren sollten.

Ein beachtlicher Teil der Rückbuchungen entsteht aus echter Verwechslung: ein vergessenes Abo, das sich automatisch verlängert hat, ein Abrechnungstext, der nicht mit dem Handelsnamen übereinstimmt, ein Familienmitglied, das eine gemeinsam genutzte Karte verwendet hat. Chargebacks911 schätzt, dass jede fünfte Person schon einmal eine Zahlung angefochten hat, die sie selbst autorisiert hatte.³ Das sind keine böswilligen Kund:innen, sondern Menschen, die eine legitime Belastung nicht wiedererkannt und den einfachsten Weg gewählt haben.

Die vorsätzlichen Fälle sind anders gelagert, auch wenn sie auf den ersten Blick gleich aussehen. Wer einen Kauf in vollem Bewusstsein anfocht, die Ware behält und die Rückerstattung einstreicht, begeht Betrug. Der Nachweis dafür liegt dem Issuer im Moment der Rückbuchung jedoch selten vor. Wiederholtes Verhalten ist oft das einzige verlässliche Signal: Laut Chargebacks911 wiederholen 50 % der Erstbegehenden von Friendly Fraud ihr Verhalten innerhalb von nur 60 Tagen nach einer erfolgreichen Rückbuchung.³

Die Kosten summieren sich entsprechend. Die True-Cost-of-Fraud-Studie von LexisNexis beziffert, dass US-Händler:innen 4,61 US-Dollar verlieren für jeden US-Dollar tatsächlichen Betrugs, sobald Chargeback-Gebühren, operative Kosten und verlorenes Warenlager eingerechnet werden, ein Anstieg von 32 % seit 2022.¹ Die operative Last trägt nicht nur der Handel, sondern auch Issuer und Acquirer, die jede Rückbuchung bearbeiten, untersuchen und entscheiden müssen. 

Wohin sich die Branche bewegt 

Die Juniper-Research-Prognose geht davon aus, dass die globalen Verluste durch E-Commerce-Betrug von 44,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf 107 Milliarden US-Dollar bis 2029 steigen werden. Das entspricht einem Anstieg von 141 % und spiegelt eine breitere Beschleunigung wider, zu der First-Party Misuse aktiv beiträgt.⁸

Die regulatorische Antwort hat sich bislang vor allem auf den Konsumentenschutz konzentriert: klarere Abrechnungstexte, einfachere Kündigungsprozesse, schnellere Fristen bei der Streitbeilegung. Ein Beispiel dafür sind die verbindlichen Erstattungsregeln des britischen Payment Systems Regulator: Laut dem Annual Fraud Report 2026 von UK Finance wurden 88 % der betroffenen APP-Betrugsverluste im ersten Jahr an die Opfer erstattet.⁹ Das sind sinnvolle Massnahmen, die den unbewussten Teil des Spektrums abdecken. Sie adressieren aber nicht das bewusste Ende, und mancherorts erleichtern sie es sogar ungewollt: Ein einfacherer Rückbuchungsprozess lässt sich auch einfacher missbrauchen.

Die langfristige Antwort der Branche wird einen besseren Datenaustausch zwischen Handel und Issuern im Moment der Rückbuchung erfordern, damit sich früheres Transaktionsverhalten als Beweismittel nutzen lässt, wenn eine Forderung nicht standhält. 

Kein einzelner Issuer, Acquirer oder Händler sieht das gesamte Bild. Ein tragfähiger Ansatz für den Datenaustausch macht aus isolierten Einzelerkennungen geteilte Intelligenz, ohne unnötige Reibung für legitime Kund:innen zu schaffen.»
- Manuel Bärtschi, Senior Product Manager Secure Payments, G+D Netcetera   

Die Notwendigkeit, eine Balance zu finden, ist real. Wird der Rückbuchungsprozess zu stark verschärft, drohen echte Betrugsopfer benachteiligt zu werden, und das Umfeld wird kundenunfreundlich. Bleibt hingegen alles beim Status quo, bleibt auch der strukturelle Anreiz für Missbrauch bestehen. 

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Quellen 

  1. LexisNexis Risk Solutions, Cybercrime Report: The Calm Before the Storm?, May 2025. https://risk.lexisnexis.com/global/en/about-us/press-room/press-release/20250513-cybercrime-report
  2. LexisNexis Risk Solutions, Global State of Fraud and Identity Report 2026, 2026. https://risk.lexisnexis.com/global/en/insights-resources/research/global-state-of-fraud-and-identity
  3. Chargebacks911, 2026 Chargeback Field Report. https://chargebacks911.com/chargeback-field-report Merchant Risk Council, Global Fraud Survey 2025, 2025. https://info.merchantriskcouncil.org/hubfs/Documents/Reports/Fraud%20Reports/2025_Global_Fraud_and_Payments_Report.pdf
  4. European Banking Authority and European Central Bank, 2025 Report on Payment Fraud, December 2025. https://www.eba.europa.eu/sites/default/files/2025-12/1709846a-84d9-47cf-86a0-b155efb34d66/EBA%20and%20ECB%20Report%20on%20Payment%20Fraud.pdf
  5. European Parliament and Council, Directive (EU) 2015/2366 (PSD2), Article 73.
  6. Merchant Risk Council, First-Party Misuse AKA Friendly Fraud. https://merchantriskcouncil.org/learning/mrc-exclusive-reports/global-payments-and-fraud-report/2024-global-payments-and-fraud-report 
  7. Juniper Research, Online Payment Fraud Report 2024–2029. https://www.juniperresearch.com/press/pressreleasesecommerce-fraud-to-exceed-107bn-in-2029/
  8. UK Finance, Annual Fraud Report 2026. https://www.ukfinance.org.uk/system/files/2026-06/UK%20Finance%20Fraud%20Report%202026.pdf